Vielleicht habt Ihr schon einmal kopfschüttelnd
einem Musiker zugehört, der stundenlang mühelos
ohne Noten auf einem Keyboard oder Klavier
sein Können zum Besten gab.
Kopfschüttelnd deshalb, weil Ihr dabei an Eure eigenen
kläglichen Versuche dachtet, auch nur ein einziges Lied
einigermaßen fehlerfrei auswendig zu spielen.
Mit diesem Workshop stelle ich Euch einmal vor, wie ich dies gelernt habe.
Sicher wird jeder einzelne von Euch letzten Endes
eine ganz individuelle Vorgehensweise für sich herausfinden,
die ebenso funktioniert.
Aber zuerst einmal eine kleine Aufmunterung:
Ich kenne keinen einzigen Musiker, der sowohl
das flüssige Spiel nach Noten (die er eventuell gerade
zum 1. Mal vor sich hat) sowie das Auswendigspielen
gleichermaßen bravourös beherrscht.
Und der eine beneidet den anderen!!
Und immer denkt man, daß das eine Sache einer angeborenen
Begabung sein müsse, auswendig zu spielen.
Aber hier übersieht der Zuhörende, daß der Musiker
gerade das Auswendigspielen genauso
trainiert hat wie der Notenspieler seine Spielweise.
Doch wie wechselt man von dem Lager der Notenspieler
über in das der Auswendigspieler?
Erst einmal muss man sich darüber klar sein,
daß ein Notenspieler ein anderes visuelles Gedächtnis
trainiert hat als der Auswendigspieler.
Damit meine ich, daß er sich das Notenbild
einprägt, und mit der Zeit gar nicht mehr richtig darauf achtet,
welche Klaviertasten er eigentlich drückt.
Denn seine Finger wissen, wohin sie gehen müssen,
wenn er bestimmte Noten liest.
Ein Auswendigspieler kennt genau die Lage der Taste,
die er gleich spielen will. Dabei ist ihm vielleicht nicht
einmal bewußt, wie diese heißt.
Mir fällt diese Tatsache vor allem bei sehr komplizierten
Akkorden auf, denn oft könnte ich spontan
nicht einmal sagen, welchen Akkord ich eben gespielt habe.
Und wenn ich auch einmal (was selten vorkommt)
ein Stück nach gekauften Noten lerne, brauche ich endlos lange,
bis ich es auswendig spielen kann!
Also geht es beim Auswendigspielen darum,
wie man sich das Bild der Klaviertasten am besten einprägt.
Und das geht am Leichtesten, wenn man erst einmal
gar keine Noten vor sich hat!
Probiert einmal dies:
Stellt Euren CD- bzw. MP3- Player oder den Cassettenrecorder
direkt an's Instrument, und zwar so,
daß Ihr das Lied - wenn Ihr am Instrument sitzt - vor- und rückspulen könnt.
Und dann solltet Ihr ein kurzes, einfaches Musikstück
aussuchen, das ihr so gut kennt, daß ihr es mühelos mitsingen könnt.
Jetzt geht es darum, daß Ihr den Anfangston dieses Musikstücks
auf Eurer Tastatur findet.
Schätzungsweise dürfte Euch allein das schon schwer fallen.
Deshalb ist es hilfreich, daß Ihr Eure Tonquelle immer wieder
an die richtige Stelle spulen könnt, um so lange zu probieren,
bis Ihr diesen Ton gefunden habt.
Habt Ihr ihn? Dann nehmt Ihr euch den gesamten ersten Takt
(und nur den 1. Takt - nicht mehr !!!!) des Musikstücks vor:
- Anhören
- am besten mitsingen
- Tonquelle stoppen.
Jetzt singt diesen einen Takt weiterhin vor Euch hin,
und versucht herauszufinden, welche Töne es auf der Klaviatur sind.
Vielleicht hilft es auch, während der Wiedergabe diese Töne durch
Suchen/ Ausprobieren auf der Tastatur zu finden.
Eventuell müsst ihr noch ein paar mal die gleiche Stelle
in Eurer Tonquelle herspulen, bis Ihr alle Töne gefunden habt.
Habt Ihr Sie alle gefunden, spielt Ihr diese jetzt so oft,
bis Ihr dabei die Augen zumachen könnt.
Und beim "Blindspielen" versucht Ihr jetzt, Euch vor Eurem inneren Auge
die Tasten vorzustellen, die Ihr spielt.
Jetzt geht's weiter mit Takt 2. Ihr geht vor wie bei Takt 1:
- Anhören
- mitsingen
- Tonquelle stoppen
- Töne auf der Tastatur suchen
- Spielen, bis es blind läuft.
Und jetzt setzt Ihr diese beiden Takte aneinander, bis sie
zusammen flüssig von der Hand gehen,
und Ihr sie wiederum blind spielen könnt.
Und auf diese Weise arbeitet Ihr euch jetzt taktweise durch Euer
ganzes Musikstück, bis Ihr alles ganz auswendig spielen könnt.
Sich ein Musikstück auf diese Art anzueignen, wird anfangs sicher
mühevoll sein, aber lasst Euch nicht entmutigen!
Auch auswendig spielen muss erlernt werden!
Später, mit ein bißchen Übung, werdet Ihr
nicht mehr taktweise, sondern abschnittweise voranschreiten,
was natürlich wesentlich schneller geht.
Dieses Kapitel solltet Ihr unbedingt mindestens einmal
hinter Euch bringen, bevor Ihr Euch über den nächsten Schritt hermacht:
Vom Notenblatt zum Auswendigspielen
Wollt ihr ein Musikstück, das Ihr als Noten vor Euch habt,
endlich auswendig spielen, geht Ihr dabei genauso
Takt für Takt vor wie in Übung 1:
- Ersten Takt ansehen
- Auf der Tastatur spielen, und zwar so oft, daß es fehlerfrei läuft.
- Dann nicht mehr in die Noten sehen, sondern nur noch auf die Tasten
(notfalls die Noten zuklappen) - Den Takt so oft mit Blick auf die Tastatur spielen,
bis Ihr ihn fehlerfrei auswendig spielen könnt. - Und jetzt: Augen zu! Und stellt Euch beim Spielen das Bild der Tasten vor.
Auch hier arbeitet Ihr Euch gaaaanz langsam durch Euer Musikstück:
Immer sollte zu dem, was ihr schon perfekt auswendig spielen könnt,
nur ein einziger Takt neu dazukommen.
Und auf alle Fälle solltet Ihr auch bei dieser Übung nur ein Notenblatt
nehmen, dessen Melodie ihr schon gut im Kopf habt,
es also auch problemlos auswendig (!) singen könnt.
Dies erleichtert den Schritt zum Auswendigspielen doch erheblich.
Auch in Zukunft solltet Ihr jetzt vermehrt darauf achten,
neue Stücke nicht von Noten zu erarbeiten, sondern möglichst zu versuchen,
sie aus der Orginalaufnahme herauszuhören.
Falls ihr noch im Unterricht seid, sprecht Euren Lehrer
einmal darauf an, das Thema "Intervalle" (Abstand zweier Noten)
mit Euch durchzugehen. Dies ist eine sinnvolle Hilfe zur Gehörbildung.
Und zu allerletzt könnt ihr dann daran gehen,
aus einem Orginalsong die Noten herauszuhören,
und sie Takt für Takt als Noten niederzuschreiben.
So bringe ich mir die neuen Stücke am Schnellsten bei.
Denn beim Heraushören singt und spielt man die einzelnen Takte
so oft, daß man sie eigentlich schon im Kopf und
in den Fingern hat, wenn man sie schließlich
als Noten niederschreibt.
Übrigens kann man so auch hervorragend unterrichten.
Selbst Kinder, die noch gar nicht zur Schule gehen,
haben durch dieses Hören - Suchen - Finden - Spielen
gleich von Anfang an einen ganz anderen Zugang zur Musik.
Noch zwei Vorteile:
Wenn man im Unterricht zusammen mit dem Lehrer,
der Hilfestellungen gibt, die Noten des Orginalsongs
(den man natürlich haben muss) heraushört und niederschreibt,
kann man so manchen Euro sparen, den man sonst
für Noten ausgegeben hätte.
Darüberhinaus hat man auf diese Weise endlich die Chance,
in einem Unterricht brandneue Stücke zu spielen,
für die es eventuell noch gar keine Noten auf dem Markt gibt!
Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mit diesem Workshop
dem Thema "Auswendigspielen" ein bißchen näher gekommen seid.
Aber nicht vergessen: Das Auswendigspielen muss geübt werden!
Ohne Fleiss kein Preis!
Viel Spass und vor allem Erfolg dabei!!
